Finanzprofessor Jürgen Bott ist überzeugt, dass das Girokonto im Zahlungs­verkehr bald keine Rolle mehr spielt. Bank­noten und Münzen wird es dagegen noch viele Jahre geben
JÜRGEN BOTT, 55, ist Professor für Finanzdienstleistungen an der Fachhochschule Kaiserslautern. Er arbeitet auch als akademischer Berater für den Internationalen Währungsfonds (IWF) und die EU-Kommission

Herr Bott, brauchen wir in Zukunft überhaupt noch einen Geldbeutel?
Ja. Bargeld bietet uns etwas Einmaliges: Anonymität. So kann niemand verfolgen, wo ich was bezahlt habe. Und wenn in den kommenden zwanzig Jahren dafür nichts Vergleichbares erfunden wird, werden wir Geld­scheine und Münzen wohl auch noch sehr lange nutzen.

Was ist mit der digitalen Währung Bitcoin? Ist anonymes Bezahlen im Netz damit nicht jetzt schon möglich?
Nein. Die eigentliche Innovation hinter den Bitcoins ist die sogenannte Block­chain – eine Art digitaler Bank­auszug, der jede einzelne Transaktion protokolliert. Damit kann man genau nachvollziehen, wer zu welchem Zeitpunkt einen Anspruch an den Bit­coins gehabt hat und was damit bezahlt wurde. Das ist alles andere als anonym.

Wo liegt dann die Zukunft?
Sie wird den mathematischen Verfahren gehören. Heute sind Bank­konten leicht attackierbar. Bei einer Block­chain sind die Informationen im Internet hingegen dezentral verteilt. So etwas wie ein Angriff auf eine Institution ist nicht mehr möglich. Außerdem ist die Block­chain flexibler: Eine Zahlung könnte in mehrere Trans­aktionen aufgespalten werden und zum Beispiel in Dollar, Euro oder auch Gold gleichzeitig erfolgen.

Welche Rolle spielen da noch die Banken?
Das Geschäfts­modell der Banken wird sich komplett ändern. Der Geld­transfer von Konto A auf Konto B wird keine Rolle mehr spielen. Institute, die beim Service die Bedürfnisse ihrer Kunden erkennen, können aber immer noch Geld verdienen, zum Beispiel mit einfachen Bezahl­systemen fürs Einkaufen im Internet. Nur: Dafür brauchen sie keine Bank­lizenz mehr.

Was ist mit der Technik?
Der Zahlungs­verkehr erfordert leistungsfähige Geräte wie neue Smartphones. Den Verbraucher wird es aber eher interessieren, ob Bezahlen auch in Zukunft kostengünstig und sicher ist. In Ost­afrika kann man sehen, dass es bereits funktioniert. In Kenia gibt es zum Beispiel M-Pesa, ein Handy-Bezahl­system, mit dem man etwa Geld von Handy zu Handy überweisen kann. Worüber dürften sich Verbraucher besonders freuen? Wer heute auf dem Konto 100 Euro hat, kann auch nur für genau 100 Euro einkaufen. Künftig bekommen Verbraucher automatisch mehr für ihr Geld – wenn etwa das Zahlungs­system, das sie benutzen, mit allen Rabatt- und Loyality-Programmen der Einzel­händler verknüpft wird. Ich muss also nicht mehr mehrere Karten mit mir herum­tragen und hoffen, dass mich der Verkäufer auf Bonus­aktionen aufmerksam macht.


Hier finden Sie einen Film­beitrag zum Geld in der Zukunft


Quelle: Bayerischer Rundfunk 2015 – Bezahlen per Handy | Wie sicher ist es?