Digital Detox – Immer empfangsbereit und ständig auf Sendung? Höchste Zeit abzuschalten. Neue Reiseangebote laden ein zu Handy- und Laptopverzicht

Zuerst war es ein Schock, als es hieß, es gäbe kein WLAN im Ferienhaus. „Dann habe ich mich darauf eingelassen. Was blieb mir übrig?“, erzählt Hannah Fritzsche*. Was die Hamburgerin auf ihrem Norwegen-Trip erlebt hat, ist typisch für unsere schöne neue Erreichbarkeitswelt: Bis in den Urlaub stehen wir für Arbeitgeber, Freunde und Familie zur Verfügung, posten und empfangen Nachrichten.

„Connected“ ist Dauerzustand. Verbundenheit dagegen fehlt zusehends – zu allem, was uns glücklicher und gesünder macht. „Wir sind viel Kanu gefahren, saßen stundenlang am See, haben geredet und abends gespielt“, sagt Hannah. „Ich fühlte mich wie befreit!“ Diesen Zustand möchte sie unbedingt in ihr Alltagsleben retten. „Vielleicht checke ich nur noch dreimal am Tag Mails. Und lasse das mit Facebook am Wochenende.“

„Digital Detox“ heißt die Auszeit für Internet­junkies. Wer sich das Ausklinken nicht selbst verordnet, kann auf ein wachsendes Angebot des Reisemarkts zugreifen, der das digitale Entgiften entdeckt hat. Veranstalter schnüren Programme, die dazu anregen, wozu viele Menschen kaum mehr in der Lage sind: Maßhalten im Umgang mit digitalen Medien. Über den Aufenthalt in der Natur den Bezug zum Wesentlichen finden. Die Sinne wieder für das Analoge öffnen.

Von den mehr als 80 Prozent der Deutschen, die laut einer Studie von 2015 im Internet aktiv sind, surfen 63 Prozent täglich im Netz, Tendenz: steigend. Dauer: bis zu 14 Stunden. Die Jüngeren chillen im Sommer nicht mehr im Freibad, sondern hängen am Handy oder Computer. Sie stellen die erste Generation, die saisonübergreifend online kommuniziert, ja: lebt. Sie sind die sogenannten „Smombies“, denen wir das Jugendwort 2015 verdanken: Menschen, die ihre Umwelt nicht mehr wahrnehmen, weil ihr Blick konstant am Smartphone-Display klebt.


Designhotel Eremito Öko-Resort in einem alten Kloster in Umbrien, ab circa ­160 Euro/Nacht, www.designhotels.com

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Das Silicon Valley füttert die Sucht mit ständig neuen Drogen: Facebook, Twitter, Instagram, Snapchat, Pokémon Go. Nach eigener Auskunft lernt die Generation „Kopf unten“ am besten über den Austausch von Youtube-Videos. Und alle elf Minuten verliebt sich ein Single auf Par­ship.

Diese absonderliche Normalität stellen viele jedoch inzwischen infrage: Was macht dieses sucht­artige Verhalten mit unserer Lebensqualität? Welche Auswirkungen hat es auf Beruf, Freundschaften, Gesundheit? In einer Zeit, in der man bei Dinner-Dates schon darum betteln muss, dass jeder sein Handy in der Tasche lässt, sind Fragen nach der Sinnhaftigkeit des mobilen Daseins wohl nötig.

Digital Entgiften kann jeder, ob in der Wüste, auf einem Berg oder am Meer. Eigentlich ganz einfach, miteinander durch die Landschaft zu wandern, Löcher in die Luft zu starren, dem Gehirn wichtige Pausen zu gönnen.


Time To Logoff zum Beispiel auf einem Bauernhof aus dem 18. Jahrhundert in Puglia, Italien, ab 800 Euro/Woche, www.itstimetologoff.com

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Doch nicht jeder schafft es ohne Fremddiszi­plinierung. Die frühere IT-Unternehmerin Tan­ya Goodin, die ein Unfall von der Karriere-Überholspur abbrachte, leitet Reisende an, zur Ruhe zu finden. „Seit der Smartphone-Einführung ist unsere durchschnittliche Aufmerksamkeitsspanne um zehn Sekunden gesunken und liegt jetzt bei der eines Goldfischs“, zitiert Goodin eine Statistik aus dem vergangenen Jahr.

Unter dem Namen „Time to log off“ bietet sie „Rehab“-Wochen in abgelegenen Gegenden an – von Cornwall bis Hawaii. Mithilfe von Yoga, Surfen oder Wandern, in Kreativ- und Achtsamkeits-Workshops oder beim Nichtstun sollen sich digital Geschlauchte daran erinnern, wie sich Leben „unplugged“ anfühlt.

Gäste bescheinigen den Reisezielen der Britin eine „augenöffnende Wirkung“. Sie hätten plötzlich gemerkt, wie schlimm es bereits um sie stand. Fürs Abschalten per Ausschalten greift Goodins Klientel tief in die Tasche. Sich eine Woche lang Rechner und Handy wegnehmen zu lassen, kostet exklusive Flug ab circa 800 Euro.

Während Strandbars mit „free Wi-Fi“ Gäste ködern, werben Wellnesshäuser zunehmend damit, jegliche Verbindung zu verhindern. Das Designhotel Eremito bei Perugia in Umbrien liegt viel zu abgeschieden, um erreichbar zu sein. Hier finden Ausgebrannte Ökoluxus in mönchischem Ambiente und paradiesischer Einöde – mit Yoga und Meditation, aber ohne TV-Geräte, Gespräche beim Dinner oder andere Ablenkungen. Zu den kargen Zimmerzellen passt, dass selbst Paare getrennt gebettet werden; wer schon immer mal Zölibat spielen wollte, urlaubt hier richtig.


Hohe Tauern Bio-Bauernhof oder Thermenhotel – Offline-Wellness ab 39 Euro/Tag (ÜF) unter www.steiermark.com

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Ohne rigide Vorschriften ist eine Entdigitalisierung offenbar kaum möglich. In der Steiermark bieten allein neun Häuser nach klar definierten Kriterien Kuren für die onlinesüchtige Klientel an. Mit dem Schlagwort „offline“ darf nur werben, wer sämtliche elektronischen Reize ausblendet, also weder WLAN noch Fernseher, Telefon, Radio oder Wecker bereithält.

Fazit: Verzicht darf etwas kosten. Ursprünglichkeit ist so kostbar wie nie und darf exklusiv angepriesen und schmackhaft serviert werden: Das Hubertus Alpin Lodge & Spa in den Allgäuer Bergen etwa belohnt jeden Gast, der zu Beginn seines Aufenthaltes sein Smartphone abgibt, beim Check-out mit einem Stück Bergkäse. „Raufkommen. Zum Runterkommen“ lautet hier das Motto. Als Rückfallmahner ist der Käse allerdings wohl zu vergänglich. Die Kunst jeder Entgiftungskur liegt schließlich in ihrer nachhaltigen Wirkung.

*Name von der Redaktion geändert

von Alke von Kruszynski


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