Ein Autounfall veranlasste vor 121 Jahren eine englische Versicherung, die erste Kraftfahrzeug-Police anzubieten

Ein Spaziergang vorm Crystal Palace in London wurde Bridget Driscoll 1896 zum Verhängnis. Mit ihrer 16-jährigen Tochter war sie wohl auf dem Weg zu einer Tanzveranstaltung gewesen. Als die beiden Frauen die Straße überquerten, wurde die Mutter von einem Auto erfasst. Sie soll so erstaunt über das sich nähernde Fahrzeug gewesen sein, dass sie sich nicht mehr rührte. Der Fahrer sagte, er habe geschrien und gehupt, den Unfall aber nicht verhindern können. Mit sieben Stundenkilometern erfasste er die Frau, die kurz darauf starb.

Was sich heute wie ein alltägliches Unglück liest, war damals eine Sensation. Autos waren auf Londons Straßen noch selten, die Geschwindigkeit im Vergleich zu heute minimal. Driscoll gilt als erstes Opfer eines Autounfalls und als Auslöser dafür, eine Kfz-Versicherung in England zu gründen. Autobesitzer konnten sich damit zum ersten Mal gegen Schäden absichern. Und Unfallopfer mussten eine Schadenersatzzahlung nicht selbst mit dem Fahrer aushandeln.

Rund drei Jahre später etablierte sich auch in Deutschland die Kfz-Police. Der Stuttgarter Verein legte eine „Haftpflicht-, Unfall- und Karambolage-Versicherung“ für Fahrzeuge auf. Heute gibt es in Deutschland rund 100 Kfz-Versicherer. Die ersten Haftpflichtverträge waren aus heutiger Sicht teils kurios. Mit einer einmaligen Prämie konnten sich Autofahrer auf Lebenszeit versichern, unabhängig vom Fahrzeug. Mittlerweile haben Versicherte jedes Jahr im Herbst die Möglichkeit, den Anbieter zu wechseln. Einige Gesellschaften unterschätzten die Tempozunahme neuer Autos und boten Verträge zu sehr geringen Prämien an. Später berechneten sich viele Beiträge nach der Zahl der Sitze im Fahrzeug. Es gab kaum Erfahrungswerte mit Autounfällen, deshalb wurden die Prämien geschätzt. Immer wieder gingen Versicherer pleite, weil sie die Schadenshöhen völlig falsch kalkuliert hatten. Erst nach und nach entwickelte sich ein einheitliches System zur Berechnung.

1901 kam die erste Fahrzeugunfallversicherung auf den Markt, ein Vorläufer der Kaskoversicherung für Autos. Damit konnten zum ersten Mal auch Schäden am eigenen Auto versichert werden. Die Haftpflichtversicherung blieb für die meisten deutschen Autobesitzer lange Zeit freiwillig. Nur Fahrlehrer, Lkw-Fahrer oder „Personenbeförderer“, also etwa Taxifahrer, mussten in der Anfangszeit eine Versicherung nachweisen. Erst seit dem 1. Juli 1940 ist sie für alle Autobesitzer Pflicht. Der Abschluss einer Kaskoversicherung ist weiterhin freiwillig in Deutschland.

Von Julia Wehmeier