Die gesetzliche Rente reicht in den meisten Fällen nicht, um den gewohnten Lebensstandard im Alter zu halten. Das ist vielen bewusst. Doch wie groß ist eigentlich die sogenannte Rentenlücke? Wie viel Geld benötigen wir im Alter, um das Leben genießen zu können? Und wie können wir es erwirtschaften? Zeit für eine Bestandsaufnahme

Man könnte meinen, wer heute noch optimistisch in Richtung Rente blickt, der hat die wesentliche Botschaft nicht verstanden. Oder verdrängt. Was soll einem auch groß Mut machen, wenn Finanzexperten uns ständig vorrechnen, dass das gesetzliche Rentenniveau stetig sinkt, die Kosten für Gesundheit, Energie und Wohnen dagegen laufend steigen und die staatlichen Alterseinkünfte hinten und vorne nicht reichen? Und wie lässt sich Zuversicht schöpfen, wenn Forscher deutscher Universitäten errechnet haben, dass die Rentenlücke bei 22 Millionen deutschen Ruheständlern einmal rund 900 Euro im Monat betragen wird? Da nistet sich schnell der Gedanke ein, dass man das Sparen eigentlich gleich lassen kann, weil solche Summen sowieso nicht erreichbar sind.

Doch das ist ein fataler Irrtum, getrieben von der Angst vor den ganz großen Zahlen. Ein auskömmliches Leben im Alter ist durchaus möglich – und der Weg dorthin beginnt mit einer ehrlichen Bestandsaufnahme, also einer Analyse der ganz kleinen Zahlen. Mindestens jeder Dritte ahnt zwar, dass das Geld im Alter knapp wird. Doch wie viel er tatsächlich im Monat benötigt, um gut über die Runden zu kommen, ist ihm nicht klar.

Die meisten gehen davon aus, dass sie später einmal genauso viel Geld zur Verfügung haben müssen wie jetzt. Tatsächlich genügt sehr viel weniger, um den gewohnten Lebensstandard zu halten. Denn mit der Rente fallen viele große Ausgabenposten weg, die in den Berufsjahren erhebliche Summen von unserem Budget abknapsen. Man muss zum Beispiel kein Geld mehr ausgeben für die Kreditraten zur Hausfinanzierung oder für Sparverträge. Die Ausgaben für Weiterbildung entfallen, der Unterhalt für die Kinder, viele Versicherungsbeiträge, und teure Anzüge oder Kostüme kann man sich ebenfalls oft sparen.

Zwar muss man mit höheren Gesundheitsausgaben im Alter rechnen und eventuell ein eigenes Auto anschaffen, wenn man bis dahin einen Dienstwagen gefahren ist. Unterm Strich stellen jedoch viele Rentner fest, dass ihr Budget schmaler ausfallen kann, ohne dass sie Einschnitte machen müssen. Experten sagen: Mit rund drei Vierteln dessen, was man zuvor als Nettoverdienst heimgebracht hat, kommt man im Alter gut über die Runden.

WOHNEN Das Statistische Bundesamt ermittelt regelmäßig, wofür die Deutschen ihr Geld ausgeben. Die aktuellsten Werte wurden 2015 erhoben – gegliedert nach Altersgruppen. Rentner wenden demnach für ihre Wohnung (inklusive Energiekosten) 750 Euro pro Monat auf. Wer ein Eigenheim bewohnt, hat dieses in der Regel zwar abbezahlt, muss aber weiter Geld für Reparaturen oder Instandhaltungsarbeiten ausgeben.

Kreuzfahrt oder Nordseestrand?

Einen absoluten Betrag zu nennen, der einem Erwerbstätigen mit dem Einkommen X später einen auskömmlichen Ruhestand ermöglicht, wäre Unfug. Natürlich sind die Lebenshaltungskosten so unterschiedlich wie die Menschen selbst. Wer sein Leben lang gut verdient hat, hat sich bestimmte Ausgaben angewöhnt und benötigt auch im Alter relativ viel Geld. Für die einen sind Einnahmen von 3500 Euro netto im Monat und der Verzicht auf die jährliche Kreuzfahrt schon eine Zumutung. Andere fühlen sich mit 1500 frei verfügbaren Euro auf dem Konto und einem Urlaub an der Nordsee wie die Könige. Entscheidend für Wohlbefinden und Zufriedenheit ist, dass wir das Niveau halten, an das wir uns jahrelang gewöhnt haben, sagen Forscher.

Als Faustformel gilt: Wer heute über gut 2000 Euro netto pro Monat verfügen kann, der kommt später mit rund 1500 Euro aus. Das entspricht laut Statistischem Bundesamt in etwa dem Durchschnittseinkommen eines Rentners. Wer heute 4000 Euro verdient, sollte mindestens 2500 Euro, besser noch 3000 Euro veranschlagen. Das Ganze gilt zu heutigen Preisen, die Inflation beziehen wir später mit ein.

Die spannende Frage lautet nun: Bekommt man so viel Rente zusammen? Aus der gesetzlichen Kasse nicht, das ist die schlechte Nachricht, aber immerhin kommt sie nicht überraschend. Seit Jahren sinkt das Rentenniveau, also der Anteil, den Durchschnittsverdiener nach 45 Beitragsjahren vom letzten Verdienst zu erwarten haben. Noch liegt die Quote bei knapp 48 Prozent des letzten Nettos, 2030 werden es ungefähr 44 Prozent sein. Das heißt: Jeder künftige Rentner muss rund 20 bis 30 Prozent der gewohnten Einkünfte aus anderen Quellen beziehen, um 70 Prozent seines letzten Nettoverdienstes zur Verfügung zu haben.

Klingt ambitionierter, als es ist, denn die meisten Erwerbstätigen können im Ruhestand auf weitere Geldquellen zugreifen. Einen Teil steuern Altersvorsorgeverträge bei, also Betriebsrenten, Versorgungskassen, Riester-Renten sowie private Kapital­lebens- und Rentenversicherungen. Fast jeder Zweite hierzulande hat solche zusätzlichen Vorsorgeverträge abgeschlossen. Bei manchen kommen noch Miet- oder Zinseinnahmen hinzu.

Aber wie viel macht all das aus? Derzeit bekommt ein Durchschnittsrentner monatlich eine gesetzliche Rente von 1050 Euro ausgezahlt. Das sind schon einmal zwei Drittel dessen, was ein Durchschnittsverdiener nach der 70-Prozent-Regel als Monatsbudget benötigt.

Dazu kommen im Schnitt rund 70 Euro Betriebsrente. Außerdem 40 bis 60 Euro aus anderen berufsständischen Versorgungskassen, rund 260 Euro aus Miete oder Vermögen und etwa 25 Euro aus privaten Versicherungen. Der letzte Betrag fällt deshalb so gering aus, weil die meisten privaten Lebensversicherungen bislang komplett zu Beginn des Ruhestands ausgezahlt wurden – anders als Rentenversicherungen, bei denen das Geld monatlich fließt. Im Schnitt bringen solche Kapitalverträge zurzeit 47 000 Euro, wenn sie auslaufen, so der Alterssicherungsbericht der Bundesregierung. Das bringt bei einer Verrentung zu derzeitigen Konditionen rund 150 Euro im Monat.

Zusammengerechnet kommt ein Durchschnittsrentner heute – nach Abzug aller Steuern und Sozialabgaben – auf rund 1500 Euro an verfügbarem Einkommen. Das sind ziemlich genau 70 Prozent dessen, was er als Durchschnittsverdiener zuvor an Nettoeinkommen übrig behielt. Noch kann der Großteil der Bundesbürger also seinen Lebensstandard im Alter halten.

Zumal sich unser Ausgabenverhalten über die Jahre laut Wirtschaftsministerium nicht maßgeblich ändert. Wir verteilen unser Budget recht konstant und geben etwa 25 bis 30 Prozent unseres verfügbaren Einkommens fürs Wohnen aus – das macht im Schnitt etwa 750 Euro, auch im Rentenalter. Für Ernährung wenden wir 15 Prozent auf (im Durchschnitts-Rentnerhaushalt 190 Euro pro Kopf und Monat), für Freizeit und Vergnügen geben wir 12 Prozent aus (im Ruhestand sind das 150 Euro), 50 Euro monatlich für Restaurantbesuche, denselben Betrag für Kleidung, 120 Euro für Mobilität (in der Stadt weniger, auf dem Land mehr) und 66 Euro für unsere Gesundheit.

REISEN Die Ausgaben von Ruheständlern sind in den vergangenen zehn Jahren auf Rekordniveau gestiegen. Laut einer Analyse der Forschungs­gemeinschaft Urlaub und Reisen haben deutsche Rentner demnach 2015 für ihren Urlaub zwischen Hamburg und Haiti durchschnittlich pro Person und Reise 970 Euro ausgegeben.

Konsequent Durchsparen

Mit diesem Mix ließe sich doch ganz gut leben, würde man meinen. Wer sich im Alter sogar etwas mehr gönnen will als heute, sollte entsprechend früh damit anfangen, seine späteren Einkünfte zu optimieren. Zumal Niedrigzins und Inflation dem Kapitalerhalt entgegenstehen. Wer dieselbe Kaufkraft behalten will, die 1500 Euro Rente heute haben, muss in 30 Jahren geschätzt 2500 Euro monatlich auf dem Konto haben. Und was man sich heute für 2500 Euro kaufen kann, wird im Jahr 2047 etwa 4200 Euro kosten. Die Inflation sorgt also dafür, dass wir erheblich höhere Beträge ansparen müssen.

Gleichzeitig minimieren die Niedrigzinsen das, was Langfristsparern bisher am meisten beim Vermögensaufbau half: den Zinseszinseffekt. Wir müssen also künftig noch mehr Geld zurücklegen. Oder bereits in jüngeren Jahren beginnen, mit möglichst lukrativen Verträgen durchgehend zu sparen (siehe Interview unten).

Wer zum Beispiel eine Rentenlücke von 900 Euro schließen will, braucht dazu bei Renteneintritt 10 800 Euro pro Jahr. Das entspricht 216 000 Euro Kapital, wenn das Geld 20 Jahre lang reichen soll und während der Entnahmephase nicht ver­zinst wird.

FREIZEIT Es muss ja nicht gleich ein Golfkurs mit kompletter Ausrüstung und Jahresmitgliedschaft im örtlichen Club sein. Ihre Freizeitgestaltung lassen sich deutsche Rentner dennoch etwas kosten. 150 Euro zahlen sie laut Statistischem Bundesamt pro Monat durchschnittlich für Hobbys und Unterhaltung. Die beliebtesten Sportarten von Senioren sind laut einer Forsa-Umfrage von 2013 übrigens Fitnesstraining und Gymnastik, Wandern und Fahrradfahren.

Ein größeres Wagnis zahlt sich aus

Wie spart man nun 216 000 Euro zusammen? Wer mit 20 Jahren anfängt und das Geld zu 2 Prozent Zinsen anlegt (mit etwas Geschick geht das heute noch), muss dafür 250 Euro monatlich zurücklegen. Wer mit 30 beginnt, benötigt 350 Euro, und ein 40-jähriger Sparer sollte schon 550 Euro zur Seite legen. Ein regelmäßiger Betrag in dieser Größenordnung dürfte für die meisten kaum zu stemmen sein.

Leichter geht es, indem man auf lukrativere Produkte setzt wie breit gestreute Aktienfonds oder Indexfonds. Die werfen auf lange Sicht durchschnittlich 7 Prozent Rendite pro Jahr ab, auch wenn es zwischendurch phasenweise deutlich mehr oder weniger sein kann (siehe Grafik unten). Ein 20-Jähriger  muss nur noch 80 Euro im Monat zurücklegen, um am Ende 216 000 Euro herauszubekommen. Oder er spart – wenn er trotzdem 250 Euro zur Seite legt – satte 658 000 Euro zusammen. Der 30-Jährige kommt mit lediglich 160 Euro hin, und der 40-Jährige schafft die 216 000 Euro mit einer vergleichsweise moderaten Sparrate von 310 Euro.

Und nur mal angenommen, der 30-Jährige würde 200 Euro monatlich in Investmentfonds anlegen, bis er 67 ist – er könnte auf 315 000 Euro Endkapital kommen. Ihm stünden dann bis zum 88. Lebensjahr jeden Monat 1300 Euro zusätzlich zur Verfügung, wenn das Geld unverzinst herumläge. Bei zwei Prozent Zinsen könnte er sogar 1600 Euro ausgeben. Macht selbst mit einer Durchschnittsrente von 1000 Euro ein monatliches Budget von 2600 Euro. Wenn das kein Grund zum Optimismus ist.

ESSEN Für Lebensmittel wenden Rentnerhaushalte laut Statistischem Bundesamt pro Kopf und Monat 190 Euro auf, hinzu kommen 50 Euro pro Monat für Restaurantbesuche. Wer im Alter deutlich mehr Geld zur Verfügung hat und über ein Haushaltseinkommen von über 3600 Euro verfügt, der gibt vor allem fürs Essen mehr aus. Dann liegt das Budget bei rund 400 Euro pro Kopf und Monat.


„Zusätzliche Altersvorsorge ist wichtig“

DR. HANS GEORG FREIERMUTH, Direktor Produktmanagement Lebensversicherung bei Swiss Life Deutschland, über zeitgemäße Strategien, fürs Alter zu sparen

Herr Freiermuth, was ist der Hauptfehler der Deutschen bei der Altersvorsorge?
Sie tendieren zum klassischen Sparen und streben stark nach Sicherheit – das zahlt sich aber bei den derzeitigen Niedrigzinsen nicht aus. Sicherheit kostet immer Rendite, das muss Sparern klar sein. Oft fehlt auch das Bewusstsein, wie wichtig eine lebens­lange Absicherung ist: Wir leben im Schnitt immer länger, und leider merken alte Menschen immer häufiger: „Ich bin ja noch da, aber mein Sparkonto ist schon leer!“ In diese Situation möchte ich persönlich später einmal nicht kommen, und ich wünsche das auch meinen Kindern nicht. Deshalb  ist es wichtig, zusätzliche Altersvor­sorge zu betreiben und die ja eigentlich erfreuliche Langlebigkeit abzusichern.

Viele Deutsche sparen nur 100, höchstens 200 Euro im Monat und fangen erst spät damit an. Ist es bei den derzeitigen Minizinsen überhaupt noch realistisch, so genug Geld fürs Alter anzusparen?
Es sollte schon deutlich mehr sein, notfalls muss man eben den Konsum dafür einschränken. Wer so viel Geld nicht jeden Monat aufbringen kann oder will, der sollte unbedingt die zusätzliche staatliche Förderung der Altersvorsorge nutzen, also beispielsweise die Zulagen für Riesterverträge einstreichen oder von den Vorteilen der betrieblichen Altersvorsorge profitieren. Eine weitere Alternative: Starten Sie einen Vertrag mit kleinen Monatsbeiträgen und erhöhen Sie diese sukzessiv im Laufe der Zeit, entweder durch Zuzahlungen oder systematisch mit einer Beitragsdynamik. So überlisten Sie die Inflation und zwingen sich quasi zum Sparen. Und je früher man anfängt, desto besser – jedes Jahr zählt! Ich selbst habe leider den Fehler gemacht, erst mit 40 anzufangen. Heute weiß ich es besser.

Gibt es eigentlich Hoffnung, dass die Zinsen bald steigen und Sparprodukte wieder attraktiver werden?
Das ist schwer absehbar. Es ist zwar wahrscheinlich, dass die US-Notenbank die Leitzinsen weiter erhöht. Deren Chefin, Janet Yellen, hat das zumindest angekündigt, und steigende Zinsen in den USA strahlen oft auch auf Europa aus. Aber die Europäische Zentralbank betreibt bislang weiter ihre ultralockere Geldpolitik, deshalb gehen wir zumindest in diesem Jahr nicht von stark steigenden Zinsen in Europa aus.

Derzeit raten viele Experten zum Sparen mit Aktien und zu mehr Fonds in der Altersvorsorge. Ist das die Lösung?
Ja, ein Aktieninvestment in Form von aktiv gemanagten Fonds oder – für Sparfüchse – mit Indexfonds, also ETFs, bietet deutlich mehr Renditechancen als zum Beispiel eine Anlage in Anleihen. Fonds können ein guter Renditemotor für eine Rentenversicherung sein.

Viele Sparer haben aber Angst vor Fonds, weil deren Preise stark schwanken.
Mehr Chancen bedeuten immer auch ein kurzfristig höheres Verlustrisiko. Wenn Sie aber – wie in der Altersvorsorge – über einen langen Zeithorizont investieren, sind Aktienfonds durchaus eine sichere Sache. Weltweit gestreute Aktienanlagen etwa haben ab einer Haltedauer von 15 Jahren historisch noch nie Verluste erzielt. Die Hauptsache ist immer, dass man dranbleibt. Von Aktien kann man vor allem dann profitieren, wenn man sie 15, 20 Jahre lang hält. Wichtig ist es aber, solche Rentenversicherungsprodukte zu wählen, die ein sogenanntes Ablaufmanagement vorsehen. Hier wird in den Jahren unmittelbar vor Rentenbeginn das kurzfristige Verlustrisiko systematisch gedämpft. So kann man von den attraktiven Renditechancen einer langfristigen Aktienanlage profitieren und selbst im unwahrscheinlichen Fall gelassen bleiben, dass kurz vor der Rente ein Marktcrash eintreten sollte.


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