Im Wohnzimmer ist digitale Elektronik längst Alltag. Jetzt halten smarte Geräte auch in Küche, Bad und Foyer Einzug

Smarter Baden Im Hamburger „Apartimentum“ von Internetpionier Lars Hinrich lassen sich nicht nur die Fenster digital steuern, sondern auch Briefkasten oder Badewanne

Deutschlands zurzeit modernstes Mietshaus „Apartimentum“ unterscheidet sich äußerlich kaum von den anderen Gebäuden der Nachbarschaft. Weiß getünchte Stuckfassaden, schmie­deeiserne Balkone, prachtvolle Giebel. Doch unter dem Putz, in Kellern und Kammern steckt am Mittelweg 169 im feinen Hamburger Stadtteil Rotherbaum alles voll modernster Technik: Datenkabel und Hochgeschwindigkeits-Funknetze wurden installiert, um nahezu alle elektronischen Geräte miteinander zu verbinden. Nicht nur Musik­­an­lage und Fernseher, auch Beleuchtung, Heizung und Küchengeräte können per Handy ­gesteuert werden.

Sensoren melden dem System, wenn sich der Mieter nähert. Dann entriegelt die schlaue Wohnung das Schloss, macht das Licht an, aktiviert die Klimaanlage und holt den Aufzug in die Tiefgarage. Wer will, kann auf dem Weg nach Hause die Badewanne einlaufen lassen, checken, ob etwas in den Briefkasten geworfen wurde oder ob die Waschmaschine neue Tabs braucht.

Entworfen hat das alles Lars Hinrichs, Gründer des Business-Netzwerks Xing und Internetpionier. Jahre hat es gedauert, Millionen hat er investiert, inzwischen sind die ersten Mieter eingezogen.

Das „Smart Home“ ist nicht mehr nur Vision, sondern Realität. Fast die gesamte Elektronikbranche setzt inzwischen auf das voll­auto­matische Zuhause – Start-ups ebenso wie Konzerne. Google hat mit Nest Labs gleich eine ganze Firma mit einem Smart-Home-Sortiment gekauft, Apple stattet seine Geräte mit dem eigens entwickelten Homekit-Standard aus. Amazon rüstet den smarten Lautsprecher Echo so um, dass er als Steuerzentrale fürs Zuhause dienen kann. Selbst Ikea hat ein smartes Beleuchtungssystem vorgestellt, und auch Aldi-Lieferant Medion bietet Digital-Home-Produkte. Damit wird das Wohnen der Zukunft für jedermann interessant und erschwinglich.

Programmierbare Kochplatten, Körperwaagen, Haarbürsten, Babytrinkflaschen und Mülleimer werden von Herstellern getestet oder sind bereits im Handel. Lange waren die Batterieleistungen und Funknetze zu schwach. Für die Datenübertragung brauchte man eigene Leitungen, Bus-Systeme genannt. Zudem waren die nötigen Bauteile zu groß und zu teuer. Günstige und mikroskopisch kleine Computerchips ermöglichen es heute, praktisch jedes Haus­haltsgerät damit auszustatten.

Der Hightech-Kühlschrank Instaview von LG etwa ist ans Internet angeschlossen, hat einen eingebauten Monitor und versteht Sprachbefehle. Im Inneren platzierte Kameras schicken bei Bedarf Fotos vom Inhalt aufs Handy. So kann man im Getränkemarkt schnell nachschauen, ob noch genug Orangensaft da ist. Wer will, kann Instaview außerdem mit den Haltbarkeitsdaten der gelagerten Produkte füttern. Dann schlägt der Kühlschrank Alarm, wenn der Quark abzulaufen droht. Noch gibt es das Gerät nur als Prototyp. Ob es in Serie geht, ist nicht bekannt.

Viele digitale Innovationen sind Spielereien und taugen nur für Marktnischen. Ob sich etwa Dirror durchsetzen wird, ein Spiegel, der Nachrichten anzeigen und Musik abspielen kann, oder das Grillthermometer iGrill, das aus der Ferne darüber informiert, ob das Steak durch ist, muss sich noch zeigen. Andere Smart-Home-Anwendungen erleichtern das Leben nicht nur, sondern machen es günstiger. Zum Beispiel die smarten Heizungsregler von Tado. Mit ihnen lassen sich bereits bestehende Systeme digital nachrüsten. Sie können von unterwegs gesteuert werden und erhöhen die Temperatur nur dann, wenn es nötig ist. Bis zu 31 Prozent der Kosten lassen sich einsparen, behauptet der Hersteller.

Stark nachgefragt sind digitale Sicherheitssysteme. Mit vernetzten Bewegungs- und Rauchmeldern, Türklingeln und Kameras kann man von jedem Ort der Welt sein Zuhause kontrollieren. Ist etwas faul, meldet sich das System in der Wohnung mit einem Alarm – und informiert den Eigentümer über SMS oder Livebild. Im „Apartimentum“ schicken intelligente Türen eine Botschaft aufs Handy, wenn sich jemand an ihnen zu schaffen macht. Über die vernetzte Gegensprechanlage kann der Mieter versuchen, den ungebetenen Besuch zu überzeugen, die eigene Wohnung zu verschonen. Und das ist schon ziemlich smart.

Von Ulf Schönert

Klingelt Skybell meldet übers Handy, wenn Besuch daheim vor der Tür steht. Ab 240 Euro. www.skybell.com


Wärmt Das Tado-Thermostat programmiert Heizungen so, dass sie nur dann laufen, wenn jemand zu Hause ist. Zur Miete ab 4,99 Euro pro Monat. www.tado.de


Brüht Bei der Kaffeemaschine EQ.9 connect s900 von Siemens lassen sich Aromaintensität und Temperatur per App programmieren. Circa 2600 Euro. www.siemens-home.com


Kühlt Der Hightech-Kühlschrank Instaview versteht Sprachbefehle und verschickt Fotos vom Inhalt. Noch nicht lieferbar. www.lg.com


Informiert Dirror dient nicht nur als Spiegel, sondern zeigt auch Uhrzeit und Textnachrichten an. Ab 1870 Euro. www.dirror.com


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